In allen Räumen des Schlosses strahlten Kronleuchter. Denn der König liebte das Licht. Selbst für die Mauselöcher gab es Glühbirnen. Mit grossen Scheinwerfern wurde nachts die Dunkelheit vor den Fenstern vertrieben. Dann sass der König an seiner weiss gedeckten Tafel und ass Zitroneneis mit Schlagsahne. Sängerinnen sangen mit hellen Stimmen.
Auf dem Schachbrett standen nur weisse Figuren: weisse Könige, weisse Damen, weisse Bauern. Niemand konnte damit spielen. Nur Schneeball, die Katze, warf manchmal die Pferdchen herunter, weil sie sich so langweilte.
Eines Nachts fiel der König beim Tanzen um. Er hatte seit Jahren nicht mehr richtig geschlafen. Der Leibarzt trug ihn in sein Himmelbett. «Aber die Lampe anlassen», flüsterte der König schon halb im Traum.
Im Norden des Parks stand ein dunkler Turm. Dort wohnte die Königin. Sie liess am Morgen schwarze Samtvorhänge vor die Fenster ziehen. Den ganzen Tag lag sie im schwarzen Pyjama in schwarzen Seidenkissen und schlief.
Den Turm verliess sei nur in mondlosen Nächten. Natürlich fuhr sie schwarz in der Strassenbahn und der Fahrer musste extra das Licht ausschalten. Am Schwarzmarkt stieg sie aus. Dort traf sie sich mit düsteren Gestalten, um Schwarzer Peter zu spielen. Gewann sie Lakritzschnecken dabei, konnte man ihr dunkles Lachen hören. In der rabenschwarzen Nacht leuchtete nur die Glut ihrer schwarzen Zigarre.
Kam sie endlich nach Hause, ass sei Pumpernickel mit Blutwurst, dazu trank sie Starkbier. Dann kämmte sie ihr langes pechschwarzes Haar und träumte vom Schwarzen Meer.
Die Tochter der Nachtkönigin und des Lichtkönigs war eine kleine, einsame Prinzessin. Im hellen Schloss ihres Vaters musste sie immerzu auf Bällen tanzen, spielen, Eistorte essen und Bilderbücher mit Glitzerbildern betrachten. Die Augen taten ihr weg davon.
Im Turm der Mutter stürzte sie in der Finsternis die Treppen hinunter. Auch hasste sie die Kleider, die sie dort tragen musste, die Hüte und Sonnenbrillen. So ging sie früh eigne Wege. Kehrte nur heim, wenn sie Hunger hatte. Ass in der weissen Küche: Nudeln mit Sahnesosse – oder in der schwarzen: Mokkatorte und Fliederbeersuppe.
Im Schlosspark sah die Prinzessin den Enten beim Schwimmen und den Schmetterlingen beim Fliegen zu. Niemand kümmerte sich um sie. Eines Tages entdeckte sie einen Brunnen. Die Sonne schien warm auf den alten gemauerten Rand. Leer und trocken führte ein Schacht in die Tiefe.
Der Wind schüttelte den Holunderbusch, und zwischen seinen Blättern ertönte eine Melodie. Da sprang die Prinzessin auf den Brunnenrand. Sie tanzte, tanzte, bis der Wind weiterflog zu den Pappeln.
Erschöpft setzte sich die kleine Tänzerin und liess ihre Beine in den Schacht baumeln. Auf einmal – wutsch! – kam ein grüngoldener Drache aus dem Brunnen gesaust. «Wer stört meinen Frieden?», zischte er. Zuerst erschrak die Prinzessin ein wenig, doch dann freute sie sich. «Wie schön du bist!», rief sie bewundernd. Das hörte der Drache gern. Sofort erinnerte er sich daran, dass er der entfernte Verwandte eines chinesischen Glücksdrachens war. Das verbesserte seine Stimmung. «Wenn du zufällig einen Wunsch hast», sagte er freundlich, «will ich ihn dir erfüllen.»
Gewiss umgab ein Geheimnis den Brunnen. Denn kaum hatte der Drache gesprochen, summte eine Biene am Ohr der Prinzessin: «Wünsch dir Wasser in den Brunnen!» Und ein Frosch quakte: «Wasser in den Brunnen!» Die Drossel rief: «Frisch, frisch, frisch!» Artig bat die Prinzessin: «Bring doch den Brunnen wieder zum Fliessen. Und bitte zaubere mir etwas Schönes zu essen, ich hab die Sahnewindbeutel und Mokkatörtchen so satt.»
Schwups – verschwand der Drache im Brunnen. Gleich darauf kehrte er mit einem dicken schwarzweissen Stein zurück, den er herauswarf. Und schon füllte sich der Brunnen, der verstopft gewesen war, bis zum Rand mit Wasser.
Auf der Suche nach ihrer Tochter begegnete die Königin dem König im Park. Sie hatten sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Nun standen sie voreinander und schauten sich an. «Immer noch so schwarz?», fragte der König lächelnd. «So schwarz wie du weiss», erwiderte die Königin. Da merkten sie plötzlich, dass sie sich immer noch liebten. Denn Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.
Als sie eine Weile gegangen waren, sagte die Königin: «Mir genügt eigentlich, wenn die Nacht dunkel ist.» «Meinetwegen», antwortete der König. «Aber am Tage muss es hell sein.»
In diesem Moment rauschte es in der Luft, und sie trauten ihren Augen nicht. War das ihre Tochter, die auf einem grüngoldenen Drachen dahergeflogen kam? Die Prinzessin landete vor ihren Eltern im Gras, während der Drache kurz darauf im Wasser des Brunnens verschwand.
Vorher aber zauberte er dem Mädchen eine ganze Handvoll wunderbarer Samenkörner herbei und rief: «Tomaten, Kresse und Salat, Möhren, Radieschen und Spinat!» «Das habe ich mir gewünscht!», jubelte die Prinzessin und wollte gleiche ein bisschen davon naschen. «Zuerst müssen die Samen in die dunkle Erde gesät werden», sagte der König und lächelte weise. «Und zum Wachsen brauchen sie die Sonne», rief die Königin fröhlich.
Die drei machten sich an die Arbeit. Zum Glück kamen ihnen der Gärtner und seine Kinder zu Hilfe, sonst wären sie wohl heute noch nicht fertig.



