Sultan Saladin war ein muslimischer Herrscher, der im 12. Jahrhundert … weiterlesen (Buch auf tvz-verlag.ch bestellen)
Hörbeispiel
Keine der drei monotheistischen Religionen – Christentum, Judentum, Islam – kann von sich behaupten, dass sie besser sei als eine der anderen. Lessing hat dazu die alte «Ringparabel» überzeugend nacherzählt.
Der muslimische Sultan Saladin fragt den jüdischen Weisen Nathan: «Welches ist die richtige Religion? Welches ist der wahre Glaube?» Nathan antwortet ihm mit der Geschichte von den drei Ringen: Ein Vater hatte einen unschätzbar wertvollen Ring geerbt. Dieser Ring besass eine geheime Kraft: Der, der diesen Ring trug, der wurde von Gott und den Menschen besonders geliebt. Weil der Vater alle seine drei Söhne gleichermassen lieb hatte und keinen enttäuschen wollte, liess er von einem Künstler zwei Kopien machen, die man vom Original nicht mehr unterscheiden konnte. So konnte der Vater jedem der drei Söhne einen Ring geben. Dann starb er.
Nun gab es einen grossen Streit: Jeder behauptete, er habe den echten Ring. Sie gingen zum Richter. Er fragte: «Welchen von euch dreien finden die andern beiden am liebenswertesten? Das muss der sein mit dem echten Ring.» Weil alle drei schwiegen, konnte er kein Urteil fällen. Darauf gab er ihnen einen Rat: Jeder soll glauben, er sei der Besitzer des echten Rings. Denn der Vater hat sie alle geliebt. Jeder soll sich bemühen, zu beweisen, dass sein Ring der echte ist: «Wetteifert darum: Seid sanftmütig und vertragt einander; tut Gutes und vertraut ganz auf Gott.» –
Auf die Frage nach der richtigen Religion hatte Nathan dem Sultan mit der Geschichte eine indirekte Antwort gegeben. Dieser war von Nathans Weisheit so beeindruckt, dass er ihn bat, sein Freund zu sein.
Erzähler: Wolfram Fischer, Geschichtenerzähler, St. Gallen; erzaehler.wolfram-fischer.ch
Quelle: G.E. Lessing: Nathan der Weise (1779), 3. Aufzug, 4.–7. Auftritt.
Version mundart:
Version hochdeutsch:



