Einst besuchte der König einen buddhistischen Mönch und fragte ihn: „Herr, wie ist es möglich, bei einem Menschen zu erkennen, ob er freundlich oder feindlich gesinnt ist?“ Darauf erwiderte der Meister: „Schon früher, o Großkönig, überlegten Weise diese Frage und fragten andere Weise danach.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit. Zu der Zeit als Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva sein Ratgeber in geistlichen und weltlichen Dingen. Damals wurde bei dem König ein anständiger Minister von den übrigen verleumdet. Als der König den Fall untersuchte, aber keine Schuld an ihm fand, fragte er den Bodhisattva: „Wie ist denn möglich zu erkennen, ob einer Feind oder Freund ist?“ Dieser antwortete folgendes:

Den Feind erkennst du so: „Er lächelt nicht, wenn er dich sieht, er bietet dir nicht den Willkommensgruß; er kann dir nicht ins Auge sehen und tut, was dir nicht gefällt. Deine Feinde verehrt er, doch deine Freunde ehrt er nicht; diejenigen, die gut von dir sprechen, hält er fern, doch lobt er, die, die dich anklagen. Auch kein Geheimnis sagt er dir, doch plaudert er alle deine Geheimnisse aus; er preist nicht eine Tat von dir und lobt auch nicht deine Einsicht. Über dein Unglück freut er sich, über dein Glück freut er sich nicht. Wenn er ein gutes Essen erhält und du nichts bekommen hast, so zeigt er kein Mitleid für dich, dass du auch etwas bekommst. Dies sind die Zeichen, welche man bei dem Feind bemerken kann.»

Darauf wurde er nach den Eigenschaften eines Freundes gefragt und er gab folgende Auskunft:

Den Freund erkennst du so: „Wenn du weit weg bist, so denkt er an dich, und wenn du kommst, so freut er sich; von Jubel ist er dann erfüllt, mit frohem Wort begrüßt er dich. Deine Freunde verehrt er, doch deine Feinde ehrt er nicht; diejenigen, die dich anklagen, hält er fern, doch lobt er die, die gut von dir sprechen. Auch ein Geheimnis sagt er dir, doch dein Geheimnis verrät er niemandem; er preist auch deine Taten und rühmt deine Klugheit. Über dein Glück freut er sich, über dein Unglück aber nicht. Wenn er ein gutes Essen hat, du aber nichts bekommen hast, so zeigt er Mitleid gegen dich und teilt mit dir.“

Der König war über die Rede des Bodhisattva hocherfreut und ließ ihm große Ehrung zuteil werden.

Lehrplanangaben zum Buch erzähl nochmal

Lehrplan

Zyklus 2

Kompetenzen im engeren Sinn:
NMG 10.2c / NMG 10.1e / NMG 11.3c

Kompetenzen im weiteren Sinn:
NMG 11.3d / NMG 11.3f

Fragen zum Lehr- und Lernmittel Erzähl nochmal

Fragen zum Nachdenken

Was sind Freund:innen? Ist man immer Freund:in? Bei allem was man tut?
Kann ich Freund:in sein, Feind:in sein, wenn es nicht gegenseitig ist? Inwiefern?
Wie ist das mit den Geheimnissen? Wer darf was weiter erzählen, nicht weiter erzählen?
Was sind Feind:innen? Gibt es so etwas? Ist eine Person, mit der ich Streit habe, meine Feindin?

Material

Unterrichtseinheit «Über Freunde und Feinde» (4. Klasse) auf weltethos.ch